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Verwaltung am Limit: Was auf Kommunen bis 2030 zukommt

von Decidio Redaktion5 Min. Lesezeit

In der Zulassungsstelle des Landkreises Görlitz hängt seit November ein Schild: „Aufgrund von Personalmangel bieten wir den Schalterbetrieb nur noch an drei Tagen pro Woche an." Was nach einem Einzelfall klingt, ist längst Alltag in deutschen Kommunen. Die Frage ist nicht mehr, ob die Verwaltung an ihre Grenzen stößt — sondern wie weit sie bereits darüber hinaus ist.

Fünf Krisen treffen Deutschlands Gemeinden, Städte und Landkreise gleichzeitig. Jede einzelne wäre eine Herausforderung. Zusammen ergeben sie ein Szenario, das grundlegende Veränderungen erzwingt.

570.000 leere Schreibtische

Der öffentliche Dienst in Deutschland hat ein Personalproblem, das sich nicht mehr durch Überstunden kompensieren lässt. Laut dbb Monitor Öffentlicher Dienst 2025 sind aktuell rund 570.000 Stellen unbesetzt — davon über 100.000 allein in den Kommunen, wie der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) im vergangenen Jahr bezifferte.

Die Zahlen sind abstrakt. Konkret bedeuten sie: Bauanträge, die monatelang liegen bleiben. Kitas, die Gruppen schließen. Bürgerämter mit eingeschränkten Öffnungszeiten. Feuerwehren, die tagsüber auf Freiwillige angewiesen sind, weil die hauptamtliche Mannschaft nicht reicht.

„Fehlendes Personal kann die Daseinsvorsorge an den Rand des Zusammenbruchs bringen", warnt André Berghegger, Hauptgeschäftsführer des DStGB. Das ist kein Alarmismus, sondern eine Zustandsbeschreibung.

Warum Nachbesetzung allein nicht reicht

Der Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst ist kein reines Mengenproblem. Volker Geyer, Bundesvorsitzender des dbb Beamtenbund und Tarifunion, benennt die strukturellen Ursachen: „Der Fachkräftemangel ist durch gestiegene Anforderungen und den demografischen Wandel verursacht." Kommunen konkurrieren mit der Privatwirtschaft um IT-Fachkräfte, Ingenieure und Verwaltungsspezialisten — und verlieren diesen Wettbewerb häufig bei Gehalt, Flexibilität und Modernisierungsgrad.

Die Rentenwelle: 500.000 gehen, kaum jemand kommt nach

Was den Personalmangel zur echten Krise macht, ist der Blick auf die kommenden fünf Jahre. Laut Analysen von McKinsey und dem Statistischen Bundesamt werden bis 2030 rund 500.000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst in den Ruhestand gehen — das entspricht knapp 30 Prozent des gesamten kommunalen Personalbestands von 1,65 Millionen.

Die Nachbesetzung dieser Stellen ist mathematisch kaum möglich. Die geburtenschwachen Jahrgänge, die nachrücken sollten, sind kleiner als die Jahrgänge, die ausscheiden. Selbst wenn jede offene Stelle sofort ausgeschrieben würde — es gibt schlicht nicht genug qualifizierte Bewerber.

Für Kommunen bedeutet das: Sie werden in fünf Jahren mit deutlich weniger Personal deutlich mehr leisten müssen. Wer heute keine Prozesse automatisiert und digitalisiert, wird 2030 Aufgaben streichen müssen.

OZG: Das Versprechen, das zur Hälfte eingelöst wurde

Das Onlinezugangsgesetz (OZG) sollte Deutschland digital machen. Bis Ende 2022 sollten alle Verwaltungsleistungen online verfügbar sein. Die Realität im Jahr 2025: Laut Bundesrechnungshof sind 135 von 233 föderalen Leistungen online zugänglich — 58 Prozent.

Das klingt nach der Hälfte des Weges. Es ist aber komplizierter. „Online zugänglich" bedeutet nicht „durchgängig digital". In vielen Fällen endet die Digitalisierung beim PDF-Formular, das ausgedruckt und per Post eingeschickt werden muss. Laut Statistischem Bundesamt nutzen 58 Prozent der Bürger für den Kontakt mit Behörden ausschließlich den Papierweg.

Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit erzeugt doppelte Belastung: Kommunen müssen parallele Prozesse fahren — digital für die, die es nutzen, und analog für die Mehrheit, die es nicht tut.

24,8 Milliarden Euro im Minus

Die finanzielle Lage der Kommunen hat 2024 einen neuen Tiefpunkt erreicht. Das gesamtkommunale Defizit betrug laut Statistischem Bundesamt und Bertelsmann Stiftung 24,8 Milliarden Euro — ein Rekordwert. Für 2025 prognostiziert der Deutsche Städtetag eine weitere Verschlechterung auf bis zu 30 Milliarden Euro.

„Die Lage der kommunalen Haushalte ist katastrophal", stellt Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, fest. Die Gründe sind vielschichtig: steigende Sozialausgaben, wachsende Infrastrukturkosten, rückläufige Gewerbesteuereinnahmen in strukturschwachen Regionen und explodierende Energiepreise.

Was das für Investitionen bedeutet

Kommunen, die kein Geld haben, investieren nicht. Sie reparieren nicht, sie modernisieren nicht, sie digitalisieren nicht. Der Investitionsstau bei kommunaler Infrastruktur beläuft sich laut KfW-Kommunalpanel auf über 180 Milliarden Euro. Schulen, Straßen, Wasserleitungen, Verwaltungsgebäude — die Liste der aufgeschobenen Sanierungen wird jedes Jahr länger.

Ralph Spiegler, Präsident des DStGB, bringt es auf den Punkt: „Viele Städte und Gemeinden wissen nicht mehr, wie sie ihre Ausgaben finanzieren sollen."

Das schwindende Vertrauen

Vielleicht die beunruhigendste Entwicklung ist die leiseste. Laut dbb Bürgerbefragung 2025 vertrauen nur noch 33 Prozent der Deutschen dem Staat — ein Rückgang von 38 Prozent im Jahr 2022. Das Vertrauen erodiert nicht wegen Skandalen, sondern wegen Alltagserfahrungen: langer Wartezeiten, nicht beantworteter Anfragen, intransparenter Prozesse.

Wenn ein Bürger drei Monate auf eine Baugenehmigung wartet und auf Nachfrage erfährt, dass sein Antrag „in Bearbeitung" ist — ohne zu wissen, in welchem Stadium, bei wem, oder wann mit einer Antwort zu rechnen ist —, dann ist das kein Einzelfall. Es ist ein Systemversagen, das Vertrauen zerstört.

73 Prozent der Befragten halten den Staat laut derselben Erhebung für überfordert. Das bedeutet: Die Mehrheit der Bevölkerung hat sich damit abgefunden, dass die Verwaltung ihre Aufgaben nicht mehr vollständig erfüllen kann.

Der Status quo ist keine Option

Jede dieser fünf Krisen — Personalmangel, Rentenwelle, stockende Digitalisierung, Finanznot, Vertrauensverlust — wäre für sich genommen beherrschbar. In Kombination erzwingen sie einen fundamentalen Wandel in der Art, wie Kommunen arbeiten.

Dieser Wandel kann nicht darin bestehen, mehr desselben zu tun. Mehr Personal einstellen, wenn es kein Personal gibt. Mehr Geld ausgeben, wenn kein Geld da ist. Mehr Formulare digitalisieren, wenn die Prozesse dahinter analog bleiben.

Was es braucht, sind strukturelle Veränderungen: Prozesse, die weniger Personal benötigen. Kommunikationskanäle, die Bürger entlasten statt frustrieren. Daten, die Entscheidungen fundieren statt Bauchgefühl. Und eine Transparenz, die Vertrauen aufbaut, statt es weiter zu untergraben.

Die Werkzeuge dafür existieren. Die Frage ist, ob der politische Wille und die Umsetzungskraft reichen, um sie einzusetzen, bevor 2030 aus einer Prognose Realität wird.


Die Redaktion von decidio berichtet regelmäßig über Digitalisierung und Verwaltungsmodernisierung in deutschen Kommunen.