Tagebuch eines Bürgermeisters: Zwischen Bürgersorgen und Verwaltungsalltag
Dieser Erfahrungsbericht ist fiktiv, aber basiert auf realen Herausforderungen, die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister kleiner Städte in Deutschland täglich erleben.
7:30 Uhr — Amtsleiterbesprechung
Der Tag beginnt mit einer Nachricht, die ich nicht hören will. Unsere Sachbearbeiterin im Bauamt hat gekündigt. Zum 31. März. Sie geht in die Privatwirtschaft, zu einem Ingenieurbüro im Nachbarlandkreis — mehr Gehalt, Homeoffice, keine Publikumssprechstunden.
Ich kann es ihr nicht verübeln. Aber ich weiß auch, was es bedeutet. Die Stelle war schon beim letzten Mal sechs Monate unbesetzt. Im Personalamt schätzen sie, dass wir frühestens im Herbst jemanden finden. Bis dahin bleibt die Arbeit an den verbliebenen Kollegen hängen. Oder sie bleibt liegen.
Mein Amtsleiter reicht mir eine Übersicht: Vier offene Stellen aktuell, drei davon seit über einem Jahr ausgeschrieben. Kita-Leitung, IT-Stelle, Sachbearbeitung Ordnungsamt. Bei der IT-Stelle haben wir bisher null Bewerbungen erhalten. Null.
9:00 Uhr — Bürgersprechstunde
Herr Meinert kommt regelmäßig. Alle zwei Wochen, manchmal öfter. Es geht um die Straßenbeleuchtung in der Ahornstraße — drei Laternen ausgefallen, seit November. Ich erkläre ihm, dass der Bauhof die Ersatzteile bestellt hat, aber die Lieferzeit acht Wochen beträgt. Er nickt, aber ich sehe, dass er mir nicht glaubt. Oder dass es ihm egal ist, warum es dauert. Er will Licht vor seinem Haus.
Nach Herrn Meinert kommt Frau Demir. Der Spielplatz am Birkenweg. Das Klettergerüst ist seit September gesperrt, nachdem der TÜV Mängel festgestellt hat. Die Sanierung steht im Investitionsplan — für 2027. Frau Demir hat zwei Kinder, sechs und acht Jahre alt. 2027 ist für sie keine Antwort.
Dann ein junger Mann, den ich nicht kenne. Er zeigt mir ein Foto auf seinem Handy: der Radweg am Ortseingang, aufgeplatzt, Wurzeln drücken den Asphalt hoch. „Da ist letzte Woche jemand gestürzt", sagt er. Ich notiere es mir. Auf einem Zettel, weil das Online-Formular der Stadtwebsite seit der letzten Aktualisierung nicht mehr funktioniert und die IT-Stelle bekanntlich unbesetzt ist.
11:00 Uhr — Stadtratssitzung vorbereiten
Donnerstag ist Stadtratssitzung. Thema: Haushalt 2026. Ich sitze mit dem Kämmerer über den Zahlen und wir streichen. Straßensanierung Rosenweg: verschoben. Digitalisierung Bürgeramt: auf das Nötigste reduziert. Vereinsförderung: um 15 Prozent gekürzt.
Was wir nicht streichen können: Sozialausgaben, Personalkosten, Pflichtaufgaben. Die fressen 87 Prozent des Haushalts. Von den verbleibenden 13 Prozent sollen wir investieren, modernisieren und die Erwartungen von 12.000 Menschen erfüllen.
Der Kämmerer sagt einen Satz, den ich inzwischen auswendig kenne: „Wir verwalten den Mangel." Ich widerspreche nicht.
13:00 Uhr — Aushilfe im Bürgeramt
Mittagspause fällt aus. Im Bürgeramt ist eine Kollegin krank, die andere im Urlaub. Es bleibt eine Person am Schalter, und die Schlange reicht bis zur Tür. Also setze ich mich dazu. Pass verlängern, Meldebescheinigung ausstellen, einem älteren Herrn erklären, warum er für die Ummeldung seines Autos jetzt einen Online-Termin braucht, obwohl er „seit 40 Jahren einfach hingegangen" ist.
Es ist nicht meine Aufgabe. Aber wenn ich es nicht mache, macht es niemand. In einer Stadt unserer Größe gibt es keinen Puffer. Jeder Krankheitstag, jeder Urlaubstag ist spürbar.
Zwischen zwei Bürgern checke ich mein Handy. Eine E-Mail vom Landratsamt: Die Fördermittel für die energetische Sanierung der Grundschule sind bewilligt — unter der Bedingung, dass wir bis Freitag drei zusätzliche Formulare nachreichen. Die Frist betrifft einen Zuschuss von 25.000 Euro. Formulare, die unser Bauamt ausfüllen müsste. Das Bauamt, dem gerade die Sachbearbeiterin gekündigt hat.
Ich denke an die Geschichte aus Grasleben, die mir ein Kollege erzählt hat. Dort haben sie Fördermittel verfallen lassen, weil niemand den Antrag rechtzeitig bearbeiten konnte. 25.000 Euro, die die Stadt dringend gebraucht hätte.
15:00 Uhr — Fördermittelantrag
Ich sitze jetzt selbst über dem Antrag. Mein Amtsleiter hat mir die Unterlagen rausgesucht, aber zwei der drei Formulare erfordern technische Angaben, die ich nicht aus dem Kopf weiß. Also rufe ich beim Energieberater an, der beim letzten Gutachten mitgearbeitet hat. Er ist bis morgen nicht erreichbar.
Ich schicke eine E-Mail und hoffe, dass er morgen früh antwortet. Freitag 12 Uhr ist Fristende.
Es sind diese Momente, in denen man spürt, wie fragil das ganze System ist. Nicht weil die Leute nicht wollen, sondern weil alles an zu wenigen Schultern hängt. Eine kranke Mitarbeiterin, ein unerreichbarer Gutachter, eine Frist von drei Tagen — und 25.000 Euro stehen auf dem Spiel.
17:30 Uhr — Vereinsversammlung
Abends: Jahreshauptversammlung des Sportvereins. Als Bürgermeister wird erwartet, dass ich da bin. Und ich bin gerne da — es ist der Teil des Amtes, der sich noch anfühlt wie das, wofür ich angetreten bin. Menschen, die sich für ihre Stadt engagieren. Ehrenamt, das Lindenberg zusammenhält.
Aber auch hier: Der Vorsitzende erzählt von Nachwuchsproblemen. Weniger Kinder, weniger Trainer, weniger Sponsoren. Er fragt, ob die Stadt die Hallenmiete erlassen könnte. Ich sage, ich schaue mir das an. Ich weiß, dass der Kämmerer nein sagen wird.
21:00 Uhr — Am Küchentisch
Zuhause. Die Kinder schlafen schon. Meine Frau fragt, wie der Tag war. Ich sage: „Normal." Und meine es ernst. Das ist ja das Problem.
Ich bin seit acht Jahren Bürgermeister. Als ich angefangen habe, dachte ich, man könne Dinge bewegen. Und das kann man auch — nur langsamer, als die Bürger es erwarten, und unter Bedingungen, die von außen kaum jemand sieht.
Die Leute erwarten von der Verwaltung die Geschwindigkeit eines Online-Versandhändlers. Aber wir arbeiten mit den Ressourcen einer Behörde, die für die Anforderungen von vor 20 Jahren aufgestellt ist.
Manchmal denke ich, der wichtigste Teil meiner Arbeit ist nicht das Verwalten, sondern das Aushalten. Aushalten, dass es nie schnell genug geht. Aushalten, dass immer jemand unzufrieden ist. Aushalten, dass die großen Lösungen — mehr Personal, mehr Geld, bessere Digitalisierung — nicht in meiner Hand liegen.
Und trotzdem morgen wieder anfangen. Um 7:30 Uhr. Amtsleiterbesprechung.